Wouldrock 09 - Photos!!!
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Das Lama der Nacht

Nach Jahren der Transporte quer durch Sibirien, die Sahara und über die südamerikanische Nord-Süd-Strecke mit den vielen, vielen Andenpässen geh ich es nun ein wenig gemächlicher an und liefere Eilsendungen auf Kurzstrecken in der näheren Umgebung. Aber Kurzstrecken in der näheren Umgebung heißt in Europa vor allem: Verkehrsüberlastung und Stau. Und beides verträgt sich nicht sonderlich mit Eilsendungen. Deshalb liefern wir immer Nachts, wenn weniger Straßenverkehr ist. Uns Lamas bemerkt man da so gut wie nicht. Mag es an unserem Tempo, unseren leisen Sohlen, oder einfach daran liegen, dass wir nicht vor jedem rechtsabbiegen laut hupen – die vielen Lamas in den europäischen Ballungsräumen auf Eilkurzstreckenlieferung fallen niemandem auf.

Als ich nun nach einer sprintstarken und spurtreichen Nacht so um sechs, halb sieben nach Hause kam bemerkte ich, dass der Frühling, der am Land und im freien Gelände das Gras sprießen und die Bäume blühen lässt, für die Stadt nur noch Baustellenlärm übrig hat. Bohrmaschine in der Wand gleich links, Lkw-Zufahrt unter meinem Fenster, Schotter abladen, Straße aufschneiden, Rüttelplattenverdichter, volles Programm, Beginn Punkt sieben. Da hatte ich noch kein Auge zugetan und so müde, dass mir sowas dann nicht mehr auffällt, wird ein trainiertes Transportlama nach einer Nacht Kurzstreckeneilsprints nicht.

Ich ziehe die Vorhänge fest zu, schließe die Fenster. Die Luft im Zimmer wird stickiger. Der CO2-Gehalt in der Raumluft steigt. Ich werde müde. Ich kriege keine Luft, ich schwitze. Panik. Ich muss ein Fenster aufmachen. Ich trinke Bier, Milch und Honig. Tränen stehen in meinen Augen. Ich will schlafen. In schlechten Dösträumen vermische ich den „Herrn der Ringe“ mit dem Europacupspiel vom Mittwoch. Langsam breitet sich ein pulsierender Schmerz von meiner Nasenwurzel in Richtung Gehirn aus. Ich denke an die Nazgul. Ich bin verzweifelt ...

Doch nach einiger Zeit hab ich mich daran gewöhnt. Ja, ich finde es richtig gut, draußen was zu hören, Lastwägen, Bagger, Flüche. Es beruhigt mich. Es zeigt mir, dass ich nicht alleine bin. Es ist noch jemand am Leben, auf dieser Welt. Es nimmt mir die Angst, ein Atomkrieg oder ein Meteoriteneinschlag könnte bereits alles Leben ausgelöscht haben, während ich schlief. Der Baustellenlärm beweist mir, dem ist nicht so. Ich atme erleichtert auf und döse lächelnd ein. Doch dann wurde es wieder Winter ...



| zurück | Alexander :: 05.05.2009

 
 
 
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