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| Wouldrock 09 - Photos!!! |
Interview mit Shantel Lang, lang angekündigt, aber endlich ist es soweit! Hier könnt ihr das Interview, das wir am Would Rock 2009 mit Shantel geführt haben, nachlesen. Der "one and only Disko-Boy" aus Frankfurt am Meer sprach mit uns über sein neues Projekt "Planet Paprika", inspiriert von österreichischen Grenzpolizisten, über Folklore und Balkan-Pop, darüber, dass er gut Geschichten erzählen kann und warum sie "nicht den ganzen Tag von Liebe und 'Bussi Bussi' singen". Wir wünschen viel Spaß: Hallo, wie geht es dir heute? Mir geht’s super, wunderbares Wetter, gute Luft, was will man mehr. Ich meine, ich hätte die Auto-bahn woanders lang gelegt, wenn ich hier etwas zu sagen hätte. (Lacht) Warum das? Eine Autobahn ist immer so ein bisschen zweischneidig, oder? Findest du nicht? Wenn man auf ein Festival will, ist es ja das Beste von der Autobahn abzufahren und man ist da. Ja, aber weißt du, die tollen Festivals sind die, wo du erst mal 80 Kilometer irgendwo auf der Land-straße rumzuckelst und dich verfährst und dann irgendwann kommt so eine Oase. In Glastonbury in England haben wir zum Beispiel gespielt, was relativ berühmt ist oder eigentlich DAS große, berühmte Openairfestival ist in Europa und da bist du Stunden auf der Landstraße unterwegs. Stunden. Und wenn du dann da bist, dann ist das wie so ein kleines Land, du betrittst jetzt ein neues Gebiet. Wenn du da drin bist kommst du auch nicht mehr raus. Also hier können die Leute ja flüchten, das wollen wir ja nicht. Wir wollen die Leute festsetzten für 24 Stunden. Dass es nichts anderes mehr gibt. Du bist einer der bekanntesten Vertreter aus den Riegen des "Balkan-Pop". Wie kamst du zu dieser Musikrichtung? Naja, also, ich will gute Popmusik machen. Und klar, das kann auch sogar auch Richtung Rock’n’Roll gehen, was immer das sein mag. So Schublanden finde ich immer ein bisschen heikel. Wenn ich jetzt Hip Hop machen würde oder Latin Cross Over, dann würde man auch gar nicht so sehr danach fragen. Aber allein die Tatsache, dass dieser Sound - und wenn du dass "Balkan Pop" nennst, kann man ja machen, ist völlig legitim - etwas Neues ist, ein bisschen unbekannt... Die Leute suchen ja immer. Er (Anm.d.Red.: der Fotograf) hat mich jetzt zum Beispiel auf Rumänisch angesprochen, eigentlich völliger Blödsinn. Stell dir vor hier ist eine Hip Hop Band und du machst ein Interview und sagst: "Hey, how are you doing, you motherfuckers?" Das wäre ein dummes Klischee, verstehst du? Ich meine, diese Story vom „Balkan Pop“ ist ja nichts anderes als ein großes Missverständnis, insofern, dass es eine kontinentaleuropäische Musikkultur gibt, die im Südosten vielleicht ein bisschen interessanter und aufregender ist, als so der Standard den man im Westen hört. Da läuft ja seit 30 oder 40 Jahren "Anglo-American Schweinerock". Nicht dass ich was dagegen hab, ist gut, aber es gibt auch noch etwas anderes. Man kann ja nicht jeden Tag Wiener Schnitzel essen, zum Beispiel. Auch wenn es gut ist. Und ich glaube "Balken Pop" ist einfach die Antwort auf dieses immer langweiliger werdende Musikgeschäft, wo jede Band gleich klingt. Wo jedes Underground Phänomen sofort aufgesogen wird, von H&M oder von einer MTV Kampagne, und so weiter. Bei uns ist das nicht der Fall, weil wenn ich eine Radio-Kampagne machen will, dann sagen die sofort: "Zu viele Trompeten, dass können wir nicht spielen." Für H&M sind wir nicht sexy genug, das sagt der Werbeagent. "Balkan Pop" ist einfach die Geschichte von der Suche nach einem Sound, der im Prinzip jetzt eine gewisse neue rebellische und auch sehr emotionale Note ins Musikgeschäft trägt. Bei mir hat das angefangen mit einer persönlichen Spurensuche. Ein Teil meiner Familie kommt aus Südosteuropa, aber ich kannte das nicht, weil ich als Kind in Deutschland aufgewachsen, sozialisiert bin. Ich hatte eigentlich von Tuten und Blasen keine Ahnung, bis ich irgendwann mal gesagt habe: "He, es gibt noch ein bisschen mehr in meinem Leben, als das was ich bis jetzt gehabt habe." Wie unterscheidet sich "Balkan Pop" von Folklore? Tja, was ist eigentlich Folklore? Also ich glaube alleine die Tatsache, dass wir in einem eher Jugend- und Popkultur-Kontext angesiedelt sind, macht schon den Unterschied aus. Folklore ist glaub ich eine Musik die eine ganz andere Generation anspricht. Wir sind ja bewusst auf Rockfestivals oder Popfestivals. Also wir tummeln uns in diesem Dunstkreis herum. Von Hip Hop bis Hardcore bis auch Jazz. Ich glaube Folklore ist in dem Sinne ein ganz anderes Weltbild. Und es klingt auch anders. Wir sind ja laut, wir sind ja eigentlich alles andere als naturbelassen. Wir machen mit Elektronik rum, wir haben Schlagzeug, wir haben E-Gitarre. Also alles Sachen, wo die Puristen sagen: "Um Gottes Wil-len!" Wir singen nicht den ganzen Tag von Liebe und "Bussi Bussi" und so. Da kann man gut mit der folgenden Frage einsteigen: Siehst du sich selber als Musiker, DJ oder mehr als allgemeiner Künstler? Zu meiner großen Freude kann ich sowohl als Live-Musiker auftreten, aber auch als DJ Club Shows machen. Ich denke als DJ ist es nicht schlecht musikalisch Erfahrung gesammelt zu haben. Umge-kehrt ist es als Musik auf der Bühne nicht schlecht bestimmt Skills die man sich beim "DJn" aneignet, zu nutzen - also was Dramaturgie betrifft - deswegen würde ich nie sagen ich bin nur Musiker oder ich bin nur DJ. Mir würde das nicht genügen nur Musiker zu sein und mir würde es nicht genügen nur DJ zu sein. Ich sehe das schon als Eines. Das Album „Disko Partizani“ ist ja weltweit äußerst erfolgreich. Im Oktober 2007 stand es auf Platz eins der Europäischen World Music Charts. Wie war dieser sensationelle Erfolg für dich? Es war im gewissen Sinne schon eine Genugtuung, weil ich zu Beginn von der "Geschmackspolizei" kritisiert wurde. Klar - es ist ja so, wenn du nach vorne gehst, wenn du dich aus dem Fenster lehnst… Und ich bin ja mit "Disko Partizani", nennen es wir mal so, nach vorne gegangen, denn ich habe einfach Sachen verknüpft, die es so in dieser Form noch nicht gab… Also das heißt, ich bin auch heftigst kritisiert worden dafür, was für mich auch normal ist. Von wem wird man da kritisiert? Eigentlich eher von der Musikpresse, die erwarten von dieser Musikrichtung ja gewisse Dinge. Wenn Musik vielleicht eine Tendenz und einen großen südosteuropäischen Einschlag hat, dann ist das wie in einem Kitschfilm. Lustige Bauernhochzeit, zum Beispiel. Oder die sagen es muss authentisch sein. Authentisch kann dann nur sein, wenn Serben serbische Musik machen, wenn Griechen griechische Musik machen und so weiter. Aber wir leben in einer Zeit, wo Japaner Mozart spielen und sogar sehr, sehr gut. Musik hat was mit Leidenschaft zu tun und mir ging es da auch darum gewisse Leidenschaft zu transportieren, nur ist die halt nicht eindimensional, sondern geprägt von meinen Erfahrung in der Elektronischen Musik aber auch vom Einfluss südosteuropäischer traditioneller Musik. Und bei dem unterstützt dich der Bocuvina Club. Was ist er genau? Bocuvina Club war eigentlich am Anfang so eine Art: "Hallo Leute, das ist jetzt hier mein Wohnzim-mer. Lasst uns einmal ein paar Stunden verbringen. Ob es jetzt im Club oder im Konzertsaal ist und dann schauen wir mal wie euch das gefällt." Ich musste so zu sagen eine bestimmte Idee formulieren unter einem Namen und Bocuvina Club war oder ist super weil keiner weiß, was das eigentlich ist. Bocuvina, was soll denn das sein? Und wenn man dann fragt, dann sag ich immer: "Okay, Bocuvina ist eigentlich die Region aus der meine Familie kommt. Und Bocuvina war immer ein Symbol für einen sehr fruchtbaren Vielvölkerstaat." Also da gab es im Prinzip keine Passkontrolle zwischen den Menschen und Nationalitäten. Da hast du kein Visa gebraucht und so weiter. Jeder ist gekommen, egal was für eine Religion, Hautfarbe und Nationalität und hat so zu sagen seinen positiven, konstruktiven Beitrag geleistet. Und beim Musikmachen ist das glaube ich die Quintessenz. Alles andere ist eindimensional, meiner Meinung nach. Du hast ja auch ein Lied zum Soundtrack von Borat beigesteuert. Wie findest du persönlich den Film? Der Film ist natürlich eine äußerst geschmacklose Satire. Ich sage bewusst Satire. Ich bin eigentlich glücklich darüber, dass es sowas gibt, denn wir haben in unserem - sagen wir mal in unserem demokratischen Verständnis, was natürlich noch viele, viele Kritikpunkte hat - zumindest die Möglichkeit solche Filme zu zeigen. In anderen Ländern landest du dafür sofort im Todestrakt. Ich will jetzt keine Länder nennen, aber es ist eine Errungenschaft unserer so genannten Zivilisation, dass solche Filme existieren. Natürlich, man könnte über den Geschmack streiten. Es gibt positive Sachen, es gibt negative Sachen, im Grunde genommen ist der Film aber trotzdem sehr wahrhaftig, weil jedes Klischee, und Stereotyp, dass dort thematisiert ist, hat im Grunde genommen auch etwas Wahres. Das ist leider das Absurde an der ganzen Sache. Wenn ich jetzt nur noch Musik machen würde für Borat, hätte ich ein Problem. Aber ich habe ja auch jetzt vor eineinhalb Jahren für Fatih Akim Filmmusik gemacht, das war etwas ganz anderes. Eher episch, eher seriös, eher intellektuell, akademisch, feuilletonistisch. Die Balance muss immer stimmen. Das ist wie mit der Folklore und der elektronischen Musik. Wenn ich jeden Abend nur elektromäßig unterwegs wäre, da würden mir die Zähne ausfallen, weil es halt wirklich echt eindimensional ist. (Pause) Ich rede zu viel, ha? (Lacht) Nein, gar nicht. Es ist schön wenn jemand viel erzählt, oft muss man jemanden alles aus der Nase ziehen. Märchenonkel. 2006 bist du mit dem BBC World Musik Award ausgezeichnet worden. Wofür hast du den be-kommen? Wofür? Weil ich so schöne Geschichten erzähle. (Lacht) Ja die haben einen Märchenonkel gesucht und so kam das Eine zum Anderen und außerdem haben sie noch keinen deutschsprachigen Künstler ausgezeichnet. Diese World Musik Awards sind ja was ganz elitäres. Eigentlich sind da auch afrikanische Künstler, es ist sehr weltmusikbetont. Und irgendwie, ich glaube dieses Gremium war doch sehr gelangweilt im Laufe der Jahre. Und aus Verlegenheit heraus… Die sind ja auch schon sehr alt und da haben dann die Kinder gesagt: "He, Papa, warum macht ihr nicht einmal den da? Wir finden das ganz gut." So kam das Eine zum Anderen. Und ich finde es nicht schlecht, weil, normalerweise kommen die super Trends alle aus New York, aus London und so und jetzt haben wir einfach mal den Spieß umgedreht. Also ich als Piefke gehe nach London und bekomme diesen Preis. Finde ich super. Muss man einfach sagen: "Kann öfter passieren!" Es ist sehr gut, dass man den Spieß einmal umdreht. Ja, die Zeit ist reif. Du hast ein eigenes Label, "Essay Recordings", und du hast auch einen eigenen Club in Frank-furt, wie kam es dazu? Ach, ich mach schon lange keinen Club mehr in Frankfurt. Das geht auch gar nicht, weil wir sind so viel unterwegs mit dieser Partie, da könnte ich unmöglich auch noch einen Club betreiben. Aber "Essay Recordings" ist eigentlich aus der Verlegenheit heraus entstanden, denn als ich mit dem Bocuvina Club anfing, wollte das schlicht und ergreifend kein Mensch machen. Die haben alle gesagt: "Was ist denn das? Das ist ja schrecklich. Das kauft doch kein Mensch." Sämtliche Labels und Vertriebe haben einfach abgewunken und haben gesagt: "Da, tschüss." Du hast ihnen auf jeden Fall das Gegenteil bewiesen. Ja, mir liegt das so am Herzen. Ich hab einfach meinen Mut und meine letzten finanziellen Reserven zusammengekratzt und dieses Label "Essay Recordings" gegründet, um quasi diese Sachen zu veröffentlichen. Mittlerweile sind auch viele andere Künstler auch auf dem Label. Das ist so ein bisschen ein Förderkreis für unentdeckte Talente geworden. Ja und ich bin eigentlich ganz froh darüber. Es ist klein aber fein. Ich glaube jetzt im Moment auch Diskussion Finanzkrise lalala. Es geht eher wieder in diese kleinen, feinen Konstellationen. Ich meine, jeder kann ja was machen im Grunde. Was war dein letztes bzw. was ist dein aktuelles Projekt? Planet Paprika. Das nächste Album heißt Planet Paprika. Inspiriert von österreichischen Grenzpolizisten, die mich angehalten haben vor einem Jahr mit dem Auto. Da habe ich die Scheibe runter gemacht und da haben sie mich sofort auf Englisch angesprochen, nicht auf Deutsch. Sie haben gesagt: (Imitiert perfekt Österreichisches Englisch) "Where are you coming from?". Ich habe dann einfach aus der Verlegenheit heraus - blitzartig küsste mich die Muse - iihnen etwas vorgesungen: "Some say that I come from Russia, some think that I come from Afrika, but I´m so exotic and so erotic, cause I´m coming from my Planet Paprika. Ei ei ei I´m a citizen of Planet Paprika. Ei ei ei look what a beautiful Paprika!" Und das sind sozusagen Geschichten, die politisch schon eine Problematik aufzeigen. Auch eine Frage die mir sehr gerne gestellt wird: "Wo kommst du eigentlich her?" Und ich dachte mir, wir müssten jetzt mal irgendwie ein neues Statement setzten. Planet Paprika ist glaube ich ein ganz guter Ort. Da arbeiten wir gerade daran. Wir schaffen die Visa-Pflicht ab, wir schaffen die Passkon-trolle ab. Was war dein erster Eindruck bzw. was ist deine Erwartung für den heutigen Abend? Für uns ist es ja insofern ganz angenehm, weil diese kleinen, feinen, familiären Festivals, sind natürlich als Band immer sehr gute Möglichkeiten einfach Sachen auszuprobieren. Es ist halt ein intimer Rahmen, das ist sehr angenehm. Also wir spielen ja auch sehr gerne Clubshows und sehr viele, nach wie vor. Und Festival ist ja doch eher anonym. Und das ist halt einfach so eine Sache, so nach ein paar Stunden, man kennt alle mit Namen. Es hat so Familiencharakter und dementsprechend erwarte ich quasi familiäre Arbeitsbedingungen mit unbekanntem Ausgang. (Lacht) Wie würdest du deine Musik beschreiben? Meine Musik? "Er war stets bemüht." (Lacht) Nein ich meine, mein Gott, wie würde ich das beschreiben? Also das ist halt schon eine sehr emotionale Musik, muss nicht jedem gefallen. Ich glaube, wenn man eine Sache erkennen kann, dann ist es, dass es uns energetisch sehr gut geht dabei, auf der Bühne oder auch wenn man die Alben hört. Und dieser Impuls, der springt immer ganz gut über. Ich würd das wirklich als sehr dynamische Musik bezeichnen, die echt was mit Kommunikation zu tun hat. Ja, ich bin auch sehr neugierig, wie das alles so weiter gehen wird, weil die letzten Jahre waren schon sehr turbulent und voller Überraschungen. Ich würde auch gern in Zukunft weiterhin auf solchen Festivals spielen. Weißt du, ich will nicht so ein komischer Mu-sikdinosaurier werden, wo man dann nur noch so 30 Shows spielt, hoffentlich groß und hoffentlich gut bezahlt, sondern ich finde gerade so diese kleinen, charmanten Sachen, die find ich super. Also ich versuch das immer irgendwie möglich zu machen. Als abschließende Frage: Mit wie vielen Instrumenten seid ihr heute angereist? Wir sind heute auf der Bühne zu neunt, wenn ich mich nicht irre und wir haben von Akkordeon bis Violine, bis Schlagzeug, zwei Vokalistinnen zurzeit, E-Gitarre, Posaune. Ja, wir haben schon Einiges. (Grinst) Danke für das Interview. | zurück | Pia und Ursi :: 03.06.2009 | ![]() | |||
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